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Mercedes 350 SL: Das "Fahrtenbuch" erzählt seine Geschichte

11.01.2013, 08:32 Uhr | Ulrich Feld

Mercedes SL der Baureihe R107 (Quelle: Hersteller)

Mercedes SL der Baureihe R107 (Quelle: Hersteller)

Der Mercedes SL der Baureihe R107 zählt zu den Traumcabrios der siebziger Jahre. Einer der ersten Wagen dieses Typs, ein 350 SL mit Automatik aus dem Jahr 1971, wird zu einem faszinierenden Zeitzeugen von fast vier bundesdeutschen Jahrzehnten. Sein Fahrzeugbrief inspirierte den Autor Niklas Maak zu einem Roman mit vielen intimen Portraits der Menschen hinter seinem Steuer: "Fahrtenbuch - Roman eines Autos".

Der Roman des Mercedes 350 SL beginnt mit seinem Ende. Nur noch ein öl- und dreckverschmiertes Wrack ist nach einem Unfall von dem eleganten Sportwagen übriggeblieben. Was an dem Auto noch etwas wert ist, steht in Kisten verpackt daneben. Insgesamt 327.000 Kilometer hat das Auto zurückgelegt. In zehn Kapiteln erzählt Maak anschließend die Geschichte des Wagens, "...der Beulen und Kratzer bekam, Öl verlor, in Unfällen demoliert, durch Schneewehen geprügelt, tiefergelegt, zerkratzt, umlackiert, dabei immer billiger und schließlich wertlos wurde".

Arzt als Erstbesitzer des Mercedes 350 SL

Es sind sehr unterschiedliche Charaktere, die den Mercedes 350 SL besitzen. "Was die Fahrer verband, war die Hoffnung, dass der Mercedes ihr Leben ändern könnte". Der erste heißt Hans Joachim Bellmann. Er ist ein gut situierter Arzt, Amerika-Liebhaber, gibt häufig ausschweifende Partys und entfremdet sich im Laufe der Jahre zunehmend von seiner Ehefrau. Zehn Jahre später verkauft er den Wagen. Es folgen ein italienischer Einwanderer, ein junger Türke und andere. Am Ende fährt ein gescheiterter Manager den ohnehin stark heruntergekommenen Wagen auf einer Verkehrsinsel zu Schrott.

Mercedes 350 SL erzählt Geschichte der Bundesrepublik

Niklas Maak hat die Geschichte dieses Mercedes 350 SL mit vielen Details zu einem wahren Bilderbuch über die Geschichte der Bundesrepublik ausgebaut. Er lässt in den Erinnerungen der Fahrer die Rockmusik der fünfziger Jahre (die sein erster Besitzer noch erlebt hat), Brandts neue Ostpolitik, die Angst vor der Atombombe und Aids, das Platzen von Spekulationsblasen an der Börse und noch vieles mehr Revue passieren.

"Sein Wagen war anders. Er war eine Provokation..."

Und immer wieder schildert er witzig und pointiert den Mercedes 350 SL vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund: "Sein Wagen war anders. Er war eine Provokation, eine chromglänzende Demütigung der sechs hinter ihm geparkten Kleinwagen, die zusammen nicht so viel kosteten wie dieses Auto. Der große Mercedes mit seinen Nebelscheinwerfern, dem mächtigen, verchromten Bug, dem gigantischen, wie die Mündung einer Waffe in den Kühler eingelassenen Stern, mit den rotglühenden Rückleuchten, dem außerirdischen Donnern seines Achtzylinders, stammte aus einer anderen Welt. Der Wagen ignorierte alles, was den Nachbarn wichtig war: Für eine Familie war in dem Zweisitzer kein Platz, und wo die anderen Autos ein festes Dach über dem Kopf hatten, war hier nur ein Stoffverdeck. Alles an diesem Ding deutete darauf hin, dass es gemacht war, um dem zu entkommen, worauf sie hingearbeitet hatten."

Nicht nur für Auto-Fans empfehlenswert

Die Geschichten der Besitzer des Mercedes 350 SL sind glamourös, romantisch, anrührend und nicht selten auch traurig. Scheinbar nebensächliche Details verselbstständigen sich und stehen gleichberechtigt neben den Protagonisten. Sie lassen viel Raum zur Identifikation oder eigener Interpretation und vermitteln ein selten intensives Zeitkolorit. Zusammen mit Maaks flüssigem und leicht zu lesenden Schreibstil macht das diesen Roman zu einer höchst kurzweiligen Lektüre. Sehr empfehlenswert!

Niklas Maak: "Fahrtenbuch - Roman eines Autos" erschienen bei Hanser.

Quelle: Ulrich Feld

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